Nachruf Michael Glawogger

Glawo ist in der Welt. Ein Nachruf auf Michael Glawogger

Der Nachricht von Michael Glawoggers Ableben konnte niemand so recht Glauben schenken – Umstände und Hintergründe sind zugleich unbegreiflich wie tragisch.

April 2014 – Eine Malaria-Infektion, während der Dreharbeiten zu Film ohne Namen eingefangen, konnte nicht mehr rechtzeitig behandelt werden. Glawoggers Doku-Experiment sollte ihn um die Welt führen – ein VW-Bus, ein Kameramann, ein Tonmann – kein Skript, kein vorgefertigter Plan, kein Drehbuch. Dieses (bedauerlicherweise) letzte große Projekt steht paradigmatisch für Glawoggers Schaffenswerk – Triptychonisches Konzept, Erosion von Grenzen als In-der-Welt-Sein sind deren Bestandteile.

Megacities (1998), Workingman`s Death (2005), Whores’ Glory (2011) sind ebenso als Trilogie angelegt wie die Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll-Reihe. Doch während die Dokumentarfilmreihe zur Befindlichkeit global-vernetzter Gesellschaften abgeschlossen ist, fehlt, nach Nacktschnecken (2003) und Contact High (2009), noch der Rock ‘n’ Roll Teil. Michael Ostrowski, Co-Drehbuchautor und Hauptdarsteller der ersten Teile, wird diese Lücke mit Hotel Rock ‘n’ Roll, Helmut Köpping dient als Regiepartner, schließen.

Doch auch wenn jetzt die Leerstellen ausgefüllt werden, sind es keine Grenzen, die diesen Trilogien immanent sind. Grenzen sind es nämlich, die es bei Glawogger eigentlich nicht gibt. Was, im Falle von Nacktschnecken oder Contact High, oftmals als schlichte low-budget-Klamauk-Produktion abgetan wird, bei der die Lacher tatsächliche Intention sind, das Amüsement programmatisch inszeniert ist, offenbart sich dann doch als Oberfläche, die auf tief existenziellen Fragen schwimmt. Freundschaft, Liebe, Anerkennung und insbesondere die Suche danach stehen vielmehr im Vordergrund, der durch den scheinbaren Vordergrund kaschiert wird. Auch die Dokumentationen dekonstruieren nicht aktuelle Problemfelder, um Sozialkritik zu betreiben oder sich selbst zu thematisieren, sie ästhetisieren oder überhöhen den eigentlichen Gegenstand nicht – sie ermöglichen dem Publikum vielmehr sich die Welt anzueignen – unverschnörkelt, realistisch.

„Die Wirklichkeit hat ja nichts zu beweisen, dachte er, sie ist entweder gefährlich oder nicht“, heißt es in Hotelzimmer 69, dem soeben erschienenen Romandebüt, auch darin die Zahl 3, erzählt Glawogger hierin doch Geschichten von Hotelzimmern aus der Dritten-Person-Perspektive.

„Jeder Gedanke über die Welt ist ein Gedanke in der Welt“, heißt es im Neuen Realismus, bei Markus Gabriel, diesem (Satz) folgend also – Holen wir Glawo in die Welt, nein – Glawo ist in der Welt, eigentlich.

Raffael Hiden

 

Zudem verweisen wir auch auf den Nachruf von Michael Ostrowski.

 

Literatur und Film in und aus Österreich: Eine In memoriam Reihe – Michael Glawogger gewidmet – UniKino-Termine des Kulturreferats der ÖH Uni Graz:

Nacktschnecken, 15.1. 19:30 HS 12.01

Whores Glory, 22.4. 19:30 HS 12.11

Contact High, 30.4. 19:30 HS 03.01

 

 

Gabriel, Markus (2013): Warum es die Welt nicht gibt; Ullstein: Berlin.

Glawogger, Michael (2015): 69 Hotelzimmer; Die Andere Bibliothek: Berlin.

 

Michael Glawoggers Doku-Blog auf sueddeutsche.de